In die Nähe schreiben

In den Kursen schreibt jeder und jede für sich, aber wir genießen die Konzentration an Kreativität, das was "die anderen" an Eindrücken und Sichtweisen mitbringen. Diesen Frühling, auf uns alleine gestellt, haben wir uns entschieden, gemeinsam an einem Text zu arbeiten.  Zehn Autorinnen und ein Autor rund um Erlebnis Sprache haben sich an diesem Projekt beteiligt. Herausgekommen sind  höchst unterschiedliche Texte in unterschiedlichsten Genres.  Jeder neue Absatz wurde von einer anderen Autorin/ einem anderen Autor geschrieben. Das sind: 
Claudia Kranawetter-Lange, Ernedina Muminovic, Harald Letonja, Judith Bärnthaler, Katrin Adler, Michaela Schwamberger, Tamara Kapus, Ulrike Janics, Ulrike Walner, Ursula Markovic und Birgit Krenn 

  

Viel Spaß beim Nachlesen!  


Weitere Titel aus der Reihe:"Kraft", "Herumlingern", Der Smodog, "Jan" und "Ein Mittel gegen alle Probleme"

Schreiben beginnt da, wo man sich befindet

 

Es regnet ununterbrochen. Ich nehme es kaum noch wahr. Meine Beine machen nicht mehr mit und ich falle der Länge nach neben den Gehsteig. In meinen Regenmantel eingehüllt, die Kapuze über den Kopf gezogen, liege ich schwer atmend im Rinnstein. Autos fahren ab und zu gefährlich nahe an mir vorbei. Ich bekomme das schmutzige Wasser ins Gesicht geschleudert. Es raubt mir die Luft. Widerlich ist der Geschmack des Regenwassers, vermischt mit Erbrochenem, welches ich versuche, von den Lippen zu lecken. Sie müssen mich wohl für eine vom Sturm verwehte Plane halten. Blitze erhellen die Nacht, aber kaum mein Bewusstsein. Ich spüre in den unteren Körperregionen warmes Wasser herunterrinnen. Das tut gut, denn es ist mir schrecklich kalt. Meinem Schicksal ganz ergeben, strecke ich mich. Benommen höre ich das monotone Rauschen des Regens.

 

Jegliches Zeitgefühl verloren, dämmere ich vor mich hin. Plötzlich fühle ich etwas Kaltes, Feuchtes in meinem Gesicht. Mit viel Mühe öffne ich einen Spalt breit meine Augen und sehe einen riesigen Hundekopf mit dunklen Augen und Schlappohren. Das Tier schnuppert aufgeregt und stupst mich immer wieder vorsichtig mit der Schnauze an, leckt mich mit seiner rauen Zunge ab. Ist das ein Streuner, der allein seine Runden zieht?

 

Der Regen trommelt auf mich nieder. Die Hundezunge leckt die Tropfen von meinen Wangen. Heißer Atem streicht über mein Gesicht. Mein Körper zittert vor Kälte. Ich versuche mich aufzurichten. Als wären wir alte Bekannte, schiebt der Hund seinen großen Kopf unter meinen Arm. Ich kralle meine Finger in das dichte Fell und stemme mich hoch. Der Hund steht mit hochgezogenen Lefzen hechelnd neben mir. „Er grinst ja richtig“, denke ich und lasse meine Hand weiter auf dem starken Rücken ruhen. Einen Fuß vor den anderen setzend, folgen wir den Lichtern der Straßenlaternen.

 

Plötzlich kam mir der Gedanke, dass mein neuer Begleiter Jimmy sein könnte. Ich hatte Jimmy an meinem sechsten Geburtstag bekommen, ein Geburtstagsgeschenk von Opa. Er sollte auf mich aufpassen und die bösen Geister, die sich unter meinem Bett versteckten, für immer vertreiben. Das tat Jimmy auch, denn nachdem er in mein Zimmer einzogen war, schlief ich durch, ohne ständig schreiend aus den Träumen gerissen zu werden, das lästige Bettnässen hörte von einem Tag auf den anderen auf und das damit verbundene Schamgefühl verschwand. Ich fühlte mich wie ausgewechselt, lachte viel, meine kindliche Unbeschwertheit kam wieder zum Vorschein, ich traute mich wieder in den Wald zu gehen, auf Bäume zu klettern, in den Fluss zu steigen. Damals war ich mir sicher, dass mir nichts widerfahren kann, denn Jimmy folgte mir auf Schritt und Tritt und passte auf mich auf. Er verschwand an meinem achten Geburtstag. Was für ein gemeiner Scherz des Schicksals! Unsere wochenlange Suche brachte keine Ergebnisse, meine Rufe erstickten im Nichts, die täglichen Gebete wurden nicht erhört. Jimmy kam nie wieder zurück – dafür meine Alpträume und das Bettnässen. Könnte er jetzt, nach all den Jahren, zurückgekehrt sein? Um mich wieder zu beschützen? Um mir zu helfen? Auch wenn der Gedanke ein Lächeln in mein Gesicht zauberte, verwarf ich ihn gleich wieder, denn wenn Jimmy tatsächlich leben würde, wäre er heute 27 Jahre alt.

 

Sein kratziges Fell unter meinen Fingerspitzen hat etwas Tröstliches. Mich fröstelt immer noch und immer noch fühle ich mich elend und schwach, aber jetzt kann ich es leichter ertragen. Ich spüre, dass er sich meinem Tempo anpasst. Auf mich wartet. Ohne wissen zu wollen, wo es hingeht, überlasse ich mich seiner Führung. Trocken wäre schön, warm auch. Immer wieder dreht er sich zu mir um und sieht mich mit diesem seltsamen Blick an, den Tiere manchmal haben. So als kenne er mich. Als würde er tiefer sehen können als je ein Mensch dazu in der Lage war. „Jimmy“, flüstere ich unwillkürlich und vergesse, was möglich ist und was nicht. Die Nacht ist auch so schon absurd genug. „Du wirst mich in Sicherheit bringen, nicht wahr?“ Die leergefegten Straßen kommen mir nicht bekannt vor. Hier bin ich noch nie gewesen und ich treffe auch niemanden, den ich fragen könnte, ungeachtet dessen, dass mir in diesem Zustand wohl niemand Auskunft geben würde. Vielleicht würde jemand die Polizei rufen. Möglicherweise wäre mir dann geholfen. Vorausgesetzt, die Polizei besucht Orte wie diesen. Jimmy drosselt sein Tempo und peitscht seinen Schwanz freudig gegen meinen Oberschenkel. Dann bellt er kurz auf und setzt seinen Weg mit erhöhtem Tempo fort. Erst als wir näher kommen, erkenne ich den Hauseingang. Ein architektonischer Glücksgriff. Ein Eingang ohne Tür oder Tor, wohl mehr ein Zugang. Unter den dicken Mauern stehen die Tonnen für Altpapier, Metall- und Plastikmüll. Erst weiter hinten im Raum ein schmiedeeisernes Tor und daneben eine Gegensprechanlage. Für den Moment wird es reichen. Erleichtert lasse ich mich auf den Boden sinken. Jimmy kauert sich neben mich, seinen Kopf legt er auf meinen Oberschenkel.

 

Wie ich ins Haus gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Die Nacht war plötzlich ausgesperrt und mit ihr die Angst, die sich in meinem Nacken festgekrallt hatte wie eine Fledermaus.

Wasser. Wasser für mich, Wasser für den Hund. Der Kühlschrank bot nur gähnende Leere und Senf.

„Pech gehabt, Kumpel.“

Ich machte Feuer im Kamin und holte eine alte braune Decke, die ich auf das kleinere Sofa legte. Der Hund streckte sich mit einem Seufzer darauf aus, als wäre er all die Jahre nie von meiner Seite gewichen. Irgendwann schlief ich auf dem größeren Sofa gegenüber ein, erschöpft und zu müde, um irgendetwas fühlen zu können.

Die Sonne schien schon ins Zimmer, als ich durch lautes Schnarchen geweckt wurde. Der Hund! fiel es mir ein. Ich lächelte und schaute hinüber zu ihm. Das konnte doch nicht… nicht… nein…

Ich kniff die Augen zusammen und öffnete sie ganz langsam noch einmal, ganz vorsichtig.

Kein Zweifel. Da lag ein nackter Mann auf der alten braunen Decke und schnarchte mit geöffnetem Mund. Kein Adonis, leider. Die Haare auf der Brust kräuselten sich üppig und dünnten weiter unten aus. Ein leichter Geruch nach nassem Hund hing noch in der Luft.

Wasser. Ich brauchte Wasser. Vielleicht hatte ich gestern etwas Falsches getrunken? Mein Knie knallte an den Couchtisch und ich schrie auf.

Wir starrten uns an.

„Jimmy?“, fragte ich flüsternd.

Er rülpste laut und grinste.

„Ich bin’s, Schätzchen, deine Muse!“

 

In der absoluten Regungslosigkeit meines Körpers fand ich mich wieder, mein Herz raste und ich fragte mich, ob mein Brustkorb ein Zerbersten verhindern könne? Das Blut in meinen Adern schien zu erstarren, meine Atmung war wie gelähmt. Kälte kroch von unten durch mich hindurch, keine Zelle wurde ausgelassen, so wie letzte Nacht. Ich konnte meinen Blick von dieser Gestalt nicht abwenden. Verzweifelt suchte ich nach Erinnerungsfetzen, um mir diesen haarsträubenden Anblick erklären zu können. Zwecklos. Nichts... partout nichts fügte sich zusammen. Das Kontrahieren meiner Muskeln wurde immer stärker, ich konnte es nicht zurückhalten. Alles in mir begann sich zu drehen. 

 

Ich schlug die Augen auf, wagte nicht mich zu bewegen. Was war jetzt Wirklichkeit? Ich lauschte in die Stille, versuchte die Umgebung auszumachen ohne den Kopf zu drehen. Gut. Das Sofa, auf dem ich lag, kam mir bekannt vor, zumindest seit kurzem. Der Kamin gegenüber auch. Das Feuer war ausgegangen, soweit nicht ungewöhnlich. Meine ekligen Klamotten vom Vortag lagen auf dem Fußboden. Im Augenwinkel sah ich die Decke daneben. Mein Puls beschleunigte sich. Hund oder Mann? Ich drehte den Kopf ein kleines Stück, kniff die Augen zusammen… Nichts. Die Decke war leer. Mein Magen krampfte. Ich brauchte Wasser. Und eine Dusche. Langsam stellte ich meine Füße auf den Boden, wickelte mir die Decke um und versuchte auf den wackeligen Beinen Halt zu finden. Nach und nach wurden meine Schritte sicherer. Ich war auf der Suche nach dem Bad. Im langen Flur, vorbei an der Küche mit dem gastunfreundlichen Kühlschrank, hörte ich ein äußerst eigenartiges Geräusch. Ich folgte ihm und fand das Bad. Da stand der Hund, den Kopf tief in der Kloschüssel versenkt. „Na pfui!“, schimpfte ich und scheuchte ihn hinaus in den Flur. Im Schrank lagen Handtücher und nach einem kurzen Test dankte ich dem Universum für heißes Wasser aus dem Duschkopf. Ich hockte ohne Zeitgefühl unter dem angenehm warmen Regen und ließ mir die vergangene Nacht so gut es ging durch den Kopf gehen. Nichts davon ergab Sinn. 

 

Eigentlich hatte ich mir gestern einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher machen wollen. Er war noch nigelnagelneu, quasi unbenützt, so wie vieles in meiner frisch bezogenen, kleinen Wohnung. Noch wirkten die Räume leer, die Dinge achtlos hingestellt, lieblos, ohne Seele. Aber die nächsten paar Wochen wollte ich daran arbeiten, renovieren, dekorieren, und die fünfzig Quadratmeter zu meiner Burg, zu meinem Fluchtpunkt ausbauen. Ich wollte mir nur zuerst noch einen Fernsehabend gönnen. Aber Friedericke ließ nicht locker. Sie rief an, sie schrieb über WhatsApp Nachricht für Nachricht, sie markierte mich auf Insta. Alles nur, damit sie eine Begleitung hatte für diesen Abend zur Neueröffnung des angesagtesten Clubs der Stadt (wobei ich mich schon frage, wie ein Club, der erst eröffnet, der angesagteste der Stadt sein kann?). Ricke war so nervig, dass ich nachgab. Mit ihren dröhnenden Mitteilungen über alle zur Verfügung stehenden Netze und Kanäle würde sie mir den gemütlichen Abend ohnehin zerstören. Da konnte ich sie auch gleich begleiten. Dort hätte ich wenigstens genug Alkohol, um eventuell doch noch einen gelösten Abend zu verbringen. Das war gestern, so fing alles an.  

 

Wie aber war es weitergegangen? Der Alkohol, auch der viele Alkohol, war eine Tatsache. Aber nicht die Ursache für diesen Film, in dem ich da zwischen den Kulissen herumirrte. Und dieser Film zeigte sich weder in Schwarzweiß noch in Technicolor. Es war ein Film in Sepia, mit geringer Farbsättigung, ein in jeder Weise blasser Film. Die Kontraste waren schwach, die Konturen der Dinge schwer auszumachen. Die Stimmung, die Tonalität aber war intensiv. Bonjour tristesse! Als ich die Augen schloss mit meinem Augenschloss, war da Tablettensucht; die, die Tabletten sucht. Das bringt der Lust Gewinn, das ist der Lustgewinn. Wer lang zum Brunnen geht, dem bricht der Krug. Und aus Schaden wird man alles, nur nicht klug. — Mein Gott, bin ich das, die das sagt? Bin ich das, die das denkt? Das ist doch nicht mein Sprachzentrum, das da frei herumläuft. Man muss nicht alles glauben, was man denkt, hat meine Mutter immer gesagt. Aber ich glaube, sie hat sich nichts dabei gedacht. Verdammt, jetzt kommen auch noch diese Bilder hinter den Augen. Ein Film im Film. Ein. Schachtel. Film. Als. Halm. Die Augen auf. Die Augen rechts! Da war der kaputte Badezimmerspiegel. Darin mein Gesicht als Filmplakat für den perfekten Fantasy-Film: „Herr der Augenringe!“. Und ein dunkelbrauner Nachtfalter, der sich dekorativ auf dem Waschbecken niederließ und in vollen Zügen aus den wenigen verbliebenen Wassertropfen schlürfte. Je länger ich ihn ansah, desto intensiver wurden seine Farben. Der Falter entpuppte sich als Schmetterling! Schmetterlinge. „Im Bauch” und auch im Bauch. Und im Blut, im Gehirn. Die bunten Pillen mit den kleinen Symbolen drauf. Das nimmt Lucy im sky der Rolling Stones. Nichts passt zusammen und das ist der Grund.

  

Nichts, aber schon gar nichts passte zusammen. Ich zerdrücke den Falter mit meinem Daumen am Beckenrand. Er hat keine Berechtigung zu leben. Nichts hat Berechtigung. Angewidert verlasse ich das Badezimmer. Stolpere wieder einmal über meine Beine. Sehe noch einmal nach, ob nicht doch ein Mitbewohner da ist. Ich möchte reden. Mich mitteilen. Den ganzen Scheiß loswerden. Eine gebrauchte Mineralflasche kommt mir unter. Ich setze an und trinke. Spucke aus. Es ist purer Schnaps. Ich muss nach Hause, fährt es durch meinen Kopf. Wo ist der Hund, ich will ihn mitnehmen, aber auch ihn finde ich nicht mehr. Wieder kommen Erinnerungen an Jimmy hoch. Ein Heulkrampf schüttelt meinen Körper. Ich lege mich hin, denke an die gestrige Nacht im Rinnstein. Sehne mich einfach danach, gefunden zu werden. 
Ich werde Friedericke am Handy blockieren. Der Gedanke tut gut. Blödes Weibsstück. Bringt mich in eine so vertrackte Situation. Ich werde mir eine Hündin besorgen – und sie wird Friedericke heißen.

 

 

 

 

 

 

Jimdo

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